Woher Babys kommen, wussten sie.
- MAL

- vor 4 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Eine Studie von 1957 und eine Frage an euch.
Ich wollte wissen, ob es das irgendwo gibt: eine Vorbereitung darauf, miteinander Familie zu werden. Die Geburt lasse ich weg, mich interessierte das, was danach kommt. Gefunden habe ich vier Seiten aus dem Jahr 1957.
Ein Soziologe namens LeMasters befragte zwischen 1953 und 1956 sechsundvierzig Ehepaare, Mann und Frau jeweils einzeln. Achtunddreissig von ihnen beschrieben die Zeit nach der Geburt des ersten Kindes als schwere Krise.
Bemerkenswert sind die Bedingungen. Vierunddreissig dieser achtunddreissig Paare bezeichneten ihre Ehe als gut oder besser, und Freunde bestätigten das. Fünfunddreissig der Schwangerschaften waren geplant oder gewünscht. Es waren Menschen in gesicherten Verhältnissen, und alles sprach dafür, dass es gut gehen würde.
Woran es lag, sagten die Eltern selbst. Sie hatten sich Elternschaft romantisch vorgestellt. Eine Mutter brachte es so auf den Punkt: Woher Babys kommen, hätten sie gewusst. Wie Babys sind, nicht.
Diese Menschen wussten also durchaus etwas, bloss nicht das, worauf es ankam.
Am Ende der Studie steht eine Empfehlung. Man solle junge Menschen künftig besser auf die Elternschaft vorbereiten.
Das war 1957.
Seither ist einiges entstanden. Familienbildungsstätten führen Kurse für werdende Eltern, in Deutschland deutlich mehr als bei uns in der Schweiz. Einzelne Bundesländer bezahlen sie sogar. Ich habe angefangen, die Kursbeschriebe zu lesen. Man lernt dort, besser miteinander zu reden, Konflikte anders auszutragen, die Aufgaben aufzuteilen, das Baby zu verstehen. Der Dachverband der deutschen Familienbildung fasst das Anliegen seiner Programme selbst so zusammen: Erziehungskompetenz stärken, den Umgang mit Konflikten und die Kommunikation verbessern.
Diese Kurse vermitteln also einiges, und Eltern profitieren davon.
Wer bei uns fremde Kinder betreuen will, absolviert eine dreijährige Lehre. Aus Jahren der Begleitung junger Menschen kenne ich Frauen, die genau das getan haben. Sie kennen Entwicklungsphasen und Bindung und begleiten fremde Kinder fachlich sicher.
Zu Hause sind sie mittendrin statt daneben, und dort ist es eine andere Sache.
Was ich in keinem Kursbeschrieb gefunden habe, ist die Frage nach dem Bild. Nach dem, was sich zwei Menschen ausmalen, wenn sie an ihre Familie denken. Genau dort hatte LeMasters seine Paare stolpern sehen, und er nannte es romantisiert. Es steht bis heute in keinem Programm.
So bin auch ich vor über dreissig Jahren gestartet, mit viel Liebe und einem romantischen Bild, das ich nie überprüft hatte.
Ob das siebzig Jahre später anders ist, kann ich nicht beurteilen. Deshalb frage ich euch:
"Was habt ihr euch vorher ausgemalt, und was kam dann? Vom Schlafmangel und den Wäschebergen weiss inzwischen jeder. Mich interessiert das Bild, das ihr auf dem Herzen trugt, von euch als Eltern und von diesem gemeinsamen Leben. Woran habt ihr gemerkt, dass der Alltag ein anderes Bild malte?"
Schreibt es mir in die Kommentare. Wenn es zu persönlich dafür ist, schreibt mir an info@charaktervoll.ch. Ich sammle diese Antworten, und niemand wird zitiert, ohne dass ich vorher frage.
Quelle: LeMasters, E. E.: «Parenthood as Crisis». In: Marriage and Family Living, Bd. 19, Nr. 4, November 1957, S. 352–355. Online über JSTOR: jstor.org/stable/347802
Mit 17 hatte ich die Zeitschrift "wir eltern" abonniert, mir vorgestellt, wie und wo meine Familie leben und würde....Die Realität? Bei meinem ersten Heiratsantrag mit 20 ist die ganz grosse Panik in mir ausgebrochen. Die Lücke zwischen unseren Vorstellungen und die Erfahrungen, die ich aus der Herkunftsfamilie mitbrachte, erschien mir wie eine unüberwindbare Schlucht. Eine weitere Tatsache war, dass in meiner Herkunftstfamilie bereits in der 3. Generation fleissig geschieden wurde und ich nicht die 4. sein wollte! Ich wurde zur Braut, die sich nicht traut.
Ich habe mir das Familienleben auch romantisch vorgestellt. Oft hatte ich innerliche Bilder wie Mutter und Vater am Esstisch sitzen und lachen, mit dem Kleinkind spielen, die Kinder gemeinsam ins Bett bringen, entspannte Ferien und ausflüge machen. Doch die Realität traff anders ein, Müdigkeit, Streitigkeit, gegenseitige Vorwürfe und die fast keine Zeit mehr als Paar.